Hannes Wader
Die bessere Zeit
Es folgt nach den endlosen Wochen
Der Spätsommerhitze
Nun wieder ein kühlerer Tag
Ich trete ins Haus, bin durchnässt
Doch der Regen hat mich nicht erfrischt
Er hat meine Augen gerötet
Die Kopfhaut, sie juckt und sie brennt
Ich trockne mich ab
Ich esse vergiftetes Fleisch
Öffne vorher die Fenster noch weit
Um Blumen und Bäume, von mir selbst gepflanzt
In der Nässe ganz langsam verbrennen zu seh'n
Und taste mich träumend zurück
In die gute, die bessere Zeit

Nein, ich kann sie nicht finden
Die bessere Zeit
Nicht in der Vergangenheit
Und ob in der Zukunft die Welt
Eine Wüste in ewiger Nacht
Die niemals mehr Leben gebiert
Oder ein blühender Garten sein wird
Steht auch in unserer Macht

In früheren Sommern, der Wald stand noch dichter
Die Luft war noch sauber, die Flüsse noch klar
Doch fiel in den Forsten
Ein schrecklicher Schnee auf das saftige Laub
Wenn in jenen Tagen die Mordöfen glühten
Verborgen, bewacht
Und doch allen bekannt
Bedeckte die Asche der Toten
Im weitesten Umkreis das Land
Dann floh vor dem Leichengeruch alles Leben
Die Vögel, der Wanderer und auch das Wild
Die Liebenden im hohen Gras
Packte in der Umarmung die Angst
Nein, ich kann sie nicht finden ...

Ich tauche noch tiefer hinab in die Dunkelheit
Einer noch länger vergangenen Zeit
Da schossen nach ewigen Kriegen
Die Wälder aus blutigem Schlamm
Da brachen die Birken aus Dächern
Der Haselnussstrauch
Hat die Straßenpflaster gesprengt
Da hat im zertrümmerten Weinfass
Die Wölfin ihr Junges gesäugt
Die Krähen beschmutzten die Ziffern der Turmuhren
Hockten sich breit auf die Zeiger und schrien:
Wer will uns vertreiben?
Wir haben gesiegt, wir beherrschen die Welt

Nein, ich kann sie nicht finden ...

Der Westwind weht stärker von See her, wird wütend
Und presst immer schwärzere Wolken ins Land
Zerfetzt sie wie prallvolle Säcke
Und Hagelschlag dröhnt auf das Dach
Doch die Sintflut bleibt aus
Und ich fürchte mich nicht vor dem Zorn
Dieser hilflosen, kranken Natur
Die unter der Folter sogar noch
Ihr letztes Geheimnis verrät
Missbraucht von den Herren des Weltuntergangs
Deren Zahl ist noch klein, ihre Namen bekannt
Nur ihre Vernichtung versöhnt uns
Für immer mit unserer Natur
Nein, ich kann sie nicht finden ...