Johann Wolfgang von Goethe
Stella - Kapitel 4
                                               Dritter Akt
                   Stella in aller Freude hineintretend mit Fernando.

Stella. zu den Wänden.
Er ist wieder da! Seht ihr ihn? Er ist wieder da!
Vor das Gemälde einer Venus tretend.
Siehst du ihn, Göttin? Er ist wieder da! Wie oft bin ich Törin auf und ab gelaufen, hier, und habe geweint, geklagt vor dir. Er ist wieder da! Ich traue meinen Sinnen nicht. Göttin! ich habe dich so oft gesehen, und er war nicht da – Nun bist du da, und er ist da! – Lieber! Lieber! Du warst lange weg! – Aber du bist da!
Ihm um den Hals fallend.
Du bist da! Ich will nichts fühlen, nichts hören, nichts wissen, als daß du da bist!

Fernando.
Stella! meine Stella!
An ihrem Halse.
Gott im Himmel, du gibst mir meine Tränen wieder!

Stella.
O du Einziger!

Fernando.
Stella! laß mich wieder deinen lieben Atem trinken, deinen Atem, gegen den mir alle Himmelsluft leer, unerquicklich war! – –

Stella.
Lieber! – –

Fernando.
Hauche in diesen ausgetrockneten, verstürmten, zerstörten Busen wieder neue Liebe, neue Lebenswonne, aus der Fülle deines Herzens!
Er hängt an ihrem Munde.
Stella.
Bester!

Fernando.
Erquickung! Erquickung! – Hier, wo du atmest, schwebt alles in genüglichem, jungem Leben. Lieb und bleibende Treue würden hier den ausgedorrten Vagabunden fesseln.

Stella.
Schwärmer!

Fernando.
Du fühlst nicht, was Himmelstau dem Dürstenden ist, der aus der öden, sandigen Welt an deinen Busen zurückkehrt.

Stella.
Und die Wonne des Armen? Fernando! sein verirrtes, verlornes, einziges Schäfchen wieder an sein Herz zu drücken?

Fernando zu ihren Füßen.
Meine Stella!

Stella.
Auf, Bester! Steh auf! Ich kann dich nicht knieen sehen.

Fernando.
Laß das! Lieg ich doch immer vor dir auf den Knieen; beugt sich doch immer mein Herz vor dir, unendliche Liebe und Güte!

Stella.
Ich habe dich wieder! – Ich kenne mich nicht, ich verstehe mich nicht! Im Grunde, was tut's?
Fernando.
Mir ist's wieder wie in den ersten Augenblicken unsrer Freuden. Ich hab dich in meinen Armen, ich sauge die Gewißheit deiner Liebe auf deinen Lippen, und taumle, und frage mich staunend, ob ich wache oder träume.

Stella.
Nun, Fernando, wie ich spüre, gescheiter bist du nicht geworden.

Fernando.
Da sei Gott für! – Aber diese Augenblicke von Wonne in deinen Armen machen mich wieder gut, wieder fromm. – Ich kann beten, Stella; denn ich bin glücklich.

Stella.
Gott verzeih dir's, daß du so ein Bösewicht, und so gut bist – Gott verzeih dir's, der dich so gemacht hat – so flatterhaft und so treu! – Wenn ich den Ton deiner Stimme höre, so mein ich doch gleich wieder, das wäre Fernando, der nichts in der Welt liebte als mich!

Fernando.
Und ich, wenn ich in dein blaues, süßes Aug dringe, und drin mich mit Forschen verliere, so mein ich, die ganze Zeit meines Wegseins hätte kein ander Bild drin gewohnet als das meine.

Stella.
Du irrst nicht.

Fernando.
Nicht? –

Stella.
Ich würde dir's bekennen! – Gestand ich dir nicht in den ersten Tagen meiner vollen Liebe zu dir alle kleine Leidenschaften, die je mein Herz gerührt hatten? Und ward ich dir darum nicht lieber? –

Fernando.
Du Engel!
Stella.
Was siehst du mich so an? Nicht wahr, ich bin älter worden? Nicht wahr, das Elend hat die Blüte von meinen Wangen gestreift? –

Fernando.
Rose! meine süße Blume! Stella! – Was schüttelst du den Kopf?

Stella.
– Daß man euch so lieb haben kann! – Daß man euch den Kummer nicht anrechnet, den ihr uns verursachet!

Fernando ihre Locken streichelnd.
Ob du wohl graue Haare davon gekriegt hast? – Es ist dein Glück, daß sie so blond ohne das sind – Zwar ausgefallen scheinen dir keine zu sein.
Er zieht ihr den Kamm aus den Haaren, und sie rollen tief herunter.

Stella.
Mutwille!

Fernando seine Arme drein wickelnd.
Rinaldo wieder in den alten Ketten!

                                                 Bedienter kommt.

Bedienter.
Gnädige Frau!

Stella.
Was hast du? Du machst ein verdrießlich, ein kaltes Gesicht; du weißt, die Gesichter sind mein Tod, wenn ich vergnügt bin.

Bedienter.
Und doch, gnädige Frau – Die zwei Fremden wollen fort.

Stella.
Fort? Ach!

Bedienter.
Wie ich sage. Ich sah die Tochter ins Posthaus gehn, wiederkommen, zur Mutter reden. Da erkundigt ich mich drüben: es hieß, sie hätten Extrapost bestellt, weil der Postwagen hinunter schon fort ist. Ich redete mit ihnen; sie bat mich, die Mutter, in Tränen, ich sollte ihnen ihre Kleider heimlich hinüberschaffen, und der gnädigen Frau tausend Segen wünschen; sie könnten nicht bleiben.

Fernando.
Es ist die Frau, die heute mit ihrer Tochter angekommen ist?

Stella.
Ich wollte die Tochter in meine Dienste nehmen und die Mutter dazu behalten. – O daß sie mir jetzt diese Verwirrung machen, Fernando! –

Fernando.
Was mag ihnen sein?

Stella.
Gott weiß! Ich kann, ich mag nichts wissen. Verlieren möcht ich sie nicht gern – Hab ich doch dich, Fernando! Ich würde zugrunde gehn in diesen Augenblicken! Rede mit ihnen, Fernando. – Eben jetzt! jetzt! – Mache, daß die Mutter herüber kommt, Heinrich!
Der Bediente geht ab.
Sprich mit ihr: sie soll Freiheit haben. – Fernando, ich will ins Boskett! Komm nach! Komm nach! – Ihr Nachtigallen, ihr empfangt ihn noch!

Fernando.
Liebste Liebe!

Stella. an ihm hangend.
Und du kommst doch bald?

Fernando.
Gleich! Gleich!
Stella ab.

Fernando. allein.
Engel des Himmels! Wie vor ihrer Gegenwart alles heiter wird, alles frei! – Fernando, kennst du dich noch selbst? Alles, was diesen Busen bedrängt, es ist weg; jede Sorge, jedes ängstliche Zurückerinnern, was war – und was sein wird! – Kommt ihr schon wieder? – und doch, wenn ich dich ansehe, deine Hand halte, Stella! flieht alles, verlischt jedes andre Bild in meiner Seele!

                                            Der Verwalter kommt.

Verwalter. ihm die Hände küssend.
Sie sind wieder da?

Fernando. die Hand wegziehend.
Ich bin's.

Verwalter.
Lassen Sie mich! Lassen Sie mich! O gnädiger Herr! –

Fernando.
Bist du glücklich?

Verwalter.
Meine Frau lebt, ich habe zwei Kinder – Und Sie kommen wieder!

Fernando.
Wie habt ihr gewirtschaftet?

Verwalter.
Daß ich gleich bereit bin, Rechenschaft abzulegen – Sie sollen erstaunen, wie wir das Gut verbessert haben. – Darf ich denn fragen, wie es Ihnen ergangen ist?

Fernando.
Stille! – Soll ich dir alles sagen? Du verdienst's, alter Mitschuldiger meiner Torheiten.

Verwalter.
Gott sei nur Dank, daß Sie nicht Zigeunerhauptmann waren; ich hätte auf ein Wort von Ihnen gesengt und gebrennt.

Fernando.
Du sollst's hören!

Verwalter.
Ihre Gemahlin? Ihre Tochter?

Fernando.
Ich habe sie nicht gefunden. Ich traute mich selbst nicht in die Stadt; allein aus sichern Nachrichten weiß ich, daß sie sich einem Kaufmann, einem falschen Freunde vertraut hat, der ihr die Kapitalien, die ich ihr zurückließ, unter dem Versprechen größerer Prozente ablockte und sie darum betrog. Unter dem Vorwande, sich aufs Land zu begeben, hat sie sich aus der Gegend entfernt und verloren, und bringt wahrscheinlicher Weise durch eigene und ihrer Tochter Handarbeit ein kümmerliches Leben durch. Du weißt, sie hatte Mut und Charakter genug, so etwas zu unternehmen.

Verwalter.
Und Sie sind nun wieder hier! Verzeihn wir's Ihnen, daß Sie solange ausgeblieben.

Fernando.
Ich bin weit herumgekommen.

Verwalter.
Wäre mir's nicht zu Hause mit meiner Frau und zwei Kindern so wohl, beneidete ich Sie um den Weg, den Sie wieder durch die Welt versucht haben. Werden Sie uns nun bleiben?
Fernando.
Will's Gott!

Verwalter.
Es ist doch am Ende nichts anders und nichts Bessers.

Fernando.
Ja wer die alten Zeiten vergessen könnte!

Verwalter.
Die uns bei mancher Freude manche Not brachten. Ich erinnere mich noch an alles genau: wie wir Cäcilien so liebenswürdig fanden, uns ihr aufdrangen, unsere jugendliche Freiheit nicht geschwind genug loswerden konnten.

Fernando.
Es war doch eine schöne, glückliche Zeit!

Verwalter.
Wie sie uns ein munteres, lebhaftes Töchterchen brachte, aber zugleich von ihrer Munterkeit, von ihrem Reiz manches verlor.

Fernando.
Verschone mich mit dieser Lebensgeschichte.

Verwalter.
Wie wir hie und da, und da und dort uns umsahn, wie wir endlich diesen Engel trafen, wie nicht mehr von Kommen und Gehen die Rede war, sondern wir uns entschließen mußten, entweder die eine oder die andere unglücklich zu machen; wie wir es endlich so bequem fanden, daß sich eben eine Gelegenheit zeigte, die Güter zu verkaufen, wie wir mit manchem Verlust uns davonmachten, den Engel raubten, und das schöne, mit sich selbst und der Welt unbekannte Kind hierher verbannten.

Fernando.
Wie es scheint, bist du noch immer so lehrreich und geschwätzig wie vor alters.

Verwalter.
Hatte ich nicht Gelegenheit, was zu lernen? War ich nicht der Vertraute Ihres Gewissens? Als Sie auch von hier, ich weiß nicht, ob so ganz aus reinem Verlangen, Ihre Gemahlin und Ihre Tochter wiederzufinden, oder auch mit aus einer heimlichen Unruhe, sich wieder wegsehnten, und wie ich Ihnen von mehr als einer Seite behülflich sein mußte –

Fernando.
Soweit für diesmal.

Verwalter.
Bleiben Sie nur, dann ist alles gut.
Ab.

                                                 Bedienter kommt.

Bedienter.
Madame Sommer!

Fernando.
Bring sie herein.
Bedienter ab.

Fernando. allein
Dies Weib macht mich schwermütig. Daß nichts ganz, nichts rein in der Welt ist! Diese Frau! – Ihrer Tochter Mut hat mich zerstört; was wird ihr Schmerz tun?

                                     Madame Sommer tritt auf.

Fernando vor sich.
O Gott! und auch ihre Gestalt muß mich an mein Vergehen erinnern! Herz! Unser Herz! o, wenn's in dir liegt, so zu fühlen und so zu handeln, warum hast du nicht auch Kraft, dir das Geschehene zu verzeihen? – Ein Schatten der Gestalt meiner Frau! – O wo seh ich den nicht!
Laut.
Madame!

Madame Sommer.
Was befehlen Sie, mein Herr?

Fernando.
Ich wünschte, daß Sie meiner Stella Gesellschaft leisten wollten und mir. Setzen Sie sich!

Madame Sommer.
Die Gegenwart des Elenden ist dem Glücklichen zur Last, und ach! der Glückliche dem Elenden noch mehr.

Fernando.
Ich begreife Sie nicht. Können Sie Stella verkannt haben? sie, die ganz Liebe, ganz Gottheit ist?

Madame Sommer.
Mein Herr! ich wünschte, heimlich zu reisen! Lassen Sie mich – Ich muß fort. Glauben Sie, daß ich Gründe habe! Aber ich bitte, lassen Sie mich!

Fernando vor sich.
Welche Stimme! Welche Gestalt!
Laut.
Madame!
Er wendet sich ab.
– Gott, es ist meine Frau! –
Laut.
Verzeihen Sie!
Eilend ab.

Madame Sommer allein.
Er erkennt mich! – Ich danke dir, Gott, daß du in diesen Augenblicken meinem Herzen so, viel Stärke gegeben hast! – Bin ich's? die Zerschlagene! die Zerrissene! die in der bedeutenden Stunde so ruhig, so mutig ist? Guter, ewiger Vorsorger, du nimmst unserm Herzen doch nichts, was du ihm nicht aufbewahrtest, bis zur Stunde, wo es dessen am meisten bedarf.

                                       Fernando kommt zurück.

Fernando vor sich.
Sollte sie mich kennen? –
Laut.
Ich bitte Sie, Madame, ich beschwöre Sie, eröffnen Sie mir Ihr Herz!

Madame Sommer.
Ich müßte Ihnen mein Schicksal erzählen; und wie sollten Sie zu Klagen und Trauer gestimmt sein, an einem Tage, da Ihnen alle Freuden des Lebens wiedergegeben sind, da Sie alle Freuden des Lebens der würdigsten weiblichen Seele wiedergegeben haben! Nein, mein Herr! entlassen Sie mich!

Fernando.
Ich bitte Sie!

Madame Sommer.
Wie gern erspart ich's Ihnen und mir! Die Erinnerung der ersten, glücklichen Tage meines Lebens macht mir tödliche Schmerzen.

Fernando.
Sie sind nicht immer unglücklich gewesen?

Madame Sommer.
Sonst würd ich's jetzt in dem Grade nicht sein.
Nach einer Pause, mit erleichterter Brust.
Die Tage meiner Jugend waren leicht und froh. Ich weiß nicht, was die Männer an mich fesselte; eine große Anzahl wünschte mir gefällig zu sein. Für wenige fühlte ich Freundschaft, Neigung; doch keiner war, mit dem ich geglaubt hätte mein Leben zubringen zu können. Und so vergingen die glücklichen Tage der rosenfarbenen Zerstreuungen, wo so ein Tag dem andern freundlich die Hand bietet. Und doch fehlte mir etwas. – Wenn ich tiefer ins Leben sah, und Freud und Leid ahndete, die des Menschen warten, da wünscht ich mir einen Gatten, dessen Hand mich durch die Welt begleitete, der für die Liebe, die ihm mein jugendliches Herz weihen konnte, im Alter mein Freund, mein Beschützer mir statt meiner Eltern geworden wäre, die ich um seinetwillen verließ.

Fernando.
Und nun?

Madame Sommer.
Ach ich sah den Mann! Ich sah ihn, auf den ich in den ersten Tagen unsrer Bekanntschaft all meine Hoffnungen niederlegte! Die Lebhaftigkeit seines Geistes schien mit solch einer Treue des Herzens verbunden zu sein, daß sich ihm das meinige gar bald öffnete, daß ich ihm meine Freundschaft und ach, wie schnell darauf, meine Liebe gab. Gott im Himmel, wenn sein Haupt an meinem Busen ruhte, wie schien er dir für die Stätte zu danken, die du ihm in meinen Armen bereitet hattest! Wie floh er aus dem Wirbel der Geschäfte und Zerstreuungen wieder zu mir, und wie unterstützt ich mich in trüben Stunden an seiner Brust!

Fernando.
Was konnte diese liebe Verbindung stören?

Madame Sommer.
Nichts ist bleibend – Ach, er liebte mich! liebte mich so gewiß als ich ihn. Es war eine Zeit, da er nichts kannte, nichts wußte, als mich glücklich zu sehen, mich glücklich zu machen. Es war, ach! die leichteste Zeit des Lebens, die ersten Jahre einer Verbindung, wo manchmal mehr ein bißchen Unmut, ein bißchen Langeweile uns peinigen, als daß es wirklich Übel wären. Ach, er begleitete mich den leidlichen Weg, um mich in einer öden, fürchterlichen Wüste allein zu lassen.

Fernando immer verwirrter.
Und wie? Seine Gesinnungen, sein Herz?

Madame Sommer.
Können wir wissen, was in dem Busen der Männer schlägt? – Ich merkte nicht, daß ihm nach und nach das alles ward – wie soll ich's nennen? – nicht gleichgültiger! das darf ich mir nicht sagen. Er liebte mich immer, immer! Aber er brauchte mehr als meine Liebe. Ich hatte mit seinen Wünschen zu teilen, vielleicht mit einer Nebenbuhlerin; ich verbarg ihm meine Vorwürfe nicht, und zuletzt –

Fernando.
Er konnte –?

Madame Sommer.
Er verließ mich. Das Gefühl meines Elends hat keinen Namen! All meine Hoffnungen in dem Augenblick zugrunde! in dem Augenblick, da ich die Früchte der aufgeopferten Blüte einzuernten gedachte – verlassen! – verlassen! – Alle Stützen des menschlichen Herzens: Liebe, Zutrauen, Ehre, Stand, täglich wachsendes Vermögen, Aussicht über eine zahlreiche, wohlversorgte Nachkommenschaft, alles stürzte vor mir zusammen, und ich – und das überbliebene unglückliche Pfand unsrer Liebe – Ein toter Kummer folgte auf die wütenden Schmerzen, und das ausgeweinte, durchverzweifelte Herz sank in Ermattung hin. Die Unglücksfälle, die das Vermögen einer armen Verlassenen ergriffen, achtete ich nicht, fühlte ich nicht, bis ich zuletzt –

Fernando.
Der Schuldige!

Madame Sommer, mit zurückgehaltener Wehmut.
Er ist's nicht! – Ich bedaure den Mann, der sich an ein Mädchen hängt.

Fernando.
Madame!

Madame Sommer. gelinde spottend, ihre Rührung zu verbergen.
Nein, gewiß! Ich seh ihn als einen Gefangenen an. Sie sagen ja auch immer, es sei so. Er wird aus seiner Welt in die unsere herübergezogen, mit der er im Grunde nichts gemein hat. Er betrügt sich eine Zeitlang, und weh uns, wenn ihm die Augen aufgehn! – Ich nun gar konnte ihm zuletzt nichts sein als eine redliche Hausfrau, die zwar mit dem festesten Bestreben an ihm hing, ihm gefällig, für ihn sorgsam zu sein; die dem Wohl ihres Hauses, ihres Kindes all ihre Tage widmete, und freilich sich mit so viel Kleinigkeiten abgeben mußte, daß ihr Herz und Kopf oft wüste ward, daß sie keine unterhaltende Gesellschafterin war, daß er mit der Lebhaftigkeit seines Geistes meinen Umgang notwendig schal finden mußte. Er ist nicht schuldig!

Fernando. zu ihren Füßen.
Ich bin's!

Madame Sommer mit einem Strom von Tränen an seinem Hals.
Mein! –

Fernando.
Cäcilie! – mein Weib! –

Cäcilie, von ihm sich abwendend.
Nicht mein – Du verlässest mich, mein Herz! –
Wieder an seinem Hals.
Fernando! – wer du auch seist – laß diese Tränen einer Elenden an deinem Busen fließen – Halte mich diesen Augenblick aufrecht, und dann verlaß mich auf ewig! – Es ist nicht dein Weib! – Stoße mich nicht von dir! –

Fernando.
Gott! – Cäcilie, deine Tränen an meinen Wangen – das Zittern deines Herzens an dem meinigen! – Schone mich! schone mich! –

Cäcilie.
Ich will nichts, Fernando! – Nur diesen Augenblick! – Gönne meinem Herzen diese Ergießung, es wird frei werden, stark! Du sollst mich loswerden –

Fernando.
Eh soll mein Leben zerreißen, eh ich dich lasse!

Cäcilie.
Ich werde dich wiedersehn, aber nicht auf dieser Erde! Du gehörst einer andern, der ich dich nicht rauben kann – – Öffne, öffne mir den Himmel! Einen Blick in jene selige Ferne, in jenes ewige Bleiben – Allein, allein ist's Trost in diesem fürchterlichen Augenblicke.

Fernando sie bei der Hand fassend, ansehend, sie umarmend.
Nichts, nichts in der Welt soll mich von dir trennen. Ich habe dich wiedergefunden.

Cäcilie.
Gefunden, was du nicht suchtest!

Fernando.
Laß! laß! – Ja, ich habe dich gesucht; dich, meine Verlassene, meine Teure! Ich fand sogar in den Armen des Engels hier keine Ruhe, keine Freuden; alles erinnerte mich an dich, an deine Tochter, an meine Lucie. Gütiger Himmel! wieviel Freude! Sollte das liebenswürdige Geschöpf meine Tochter sein? – – Ich habe dich aufgesucht überall. Drei Jahre zieh ich herum. An dem Ort unsers Aufenthalts fand ich, ach! unsere Wohnung verändert, in fremden Händen, und die traurige Geschichte des Verlusts deines Vermögens. Deine Entweichung zerriß mir das Herz; ich konnte keine Spur von dir finden, und meiner selbst und des Lebens überdrüssig, steckt ich mich in diese Kleider, in fremde Dienste, half die sterbende Freiheit der edeln Korsen unterdrücken; und nun siehst du mich hier, nach einer langen und wunderbaren Verirrung wieder an deinem Busen, mein teuerstes, mein bestes Weib!

                                            Lucie tritt auf.

Fernando.
O meine Tochter!

Lucie.
Lieber, bester Vater! wenn Sie mein Vater wieder sind!

Fernando.
Immer und ewig!

Cäcilie.
Und Stella? –

Fernando.
Hier gilt's schnell sein. Die Unglückliche! Warum, Lucie, diesen Morgen, warum konnten wir uns nicht erkennen? – Mein Herz schlug mir; du weißt, wie gerührt ich dich verließ! Warum? Warum? – Wir hätte uns das alles erspart! Stella! wir hätten ihr diese Schmerzen erspart – Doch wir wollen fort. Ich will ihr sagen ihr beständet darauf, euch zu entfernen, wolltet sie mi eurem Abschied nicht beschweren, wolltet fort. Und du Lucie, geschwind hinüber; laß eine Chaise zu dreien anspannen. Meine Sachen soll der Bediente zu den eurigen packen. – Bleib noch hüben, beste, teuerste Frau! Und du, meine Tochter, wenn alles bestellt ist, komm herüber; und verweilt im Gartensaal, wartet auf mich. Ich will mich von ihr losmachen, sagen, ich wollte euch hinüber begleiten, sorgen, daß ihr wohl fortkämt, und das Postgeld für euch bezahlen. – Arme Seele, ich betrüge dich mit deiner Güte! – Wir wollen fort! –

Cäcilie.
Fort? – Nur ein vernünftig Wort!

Fernando.
Fort! Laß sein! – Ja, meine Lieben, wir wollen fort!
Cäcilie und Lucie ab.

Fernando allein.
Fort? – – Wohin? Wohin? – Ein Dolchstich würde allen diesen Schmerzen den Weg öffnen, und mich in die dumpfe Fühllosigkeit stürzen, um die ich jetzt alles dahingäbe! – Bist du da, Elender? Erinnere dich der vollglücklichen Tage, da du in starker Genügsamkeit gegen den Armen standst, der des Lebens Bürde abwerfen wollte; wie du dich fühltest in jenen glücklichen Tagen, und nun! – Ja, die Glücklichen! die Glücklichen! – Eine Stunde früher diese Entdeckung, und ich war geborgen; ich hätte sie nicht wieder gesehn, sie mich nicht; ich hätte mich überreden können: sie hat dich diese vier Jahre her vergessen, verschmerzt ihr Leiden. Aber nun? Wie soll ich vor ihr erscheinen, was ihr sagen? – O meine Schuld, meine Schuld wird schwer in diesen Augenblicken über mir! – Verlassen, die beiden lieben Geschöpfe! Und ich, in dem Augenblick, da ich sie wieder finde, verlassen von mir selbst! elend! O meine Brust!